
Ein Ort namens Heidenau ist auf alten Karten der Nordheide nicht zu finden, da 1928 die Zusammenlegung der Altgemeinden Avensen und Everstorf zur neuen Gemeinde Heidenau erfolgte.
Folgende Auszüge des Artikels „Die preußische Gemeindereform von 1928 im Altkreis Harburg“ von Arndt-Hinrich Ernst beschreiben diese Zusammenlegung (Quelle: Kreiskalender 2022 des Landkreises Harburg).
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Zusammenlegung von Everstorf und Avensen zur neuen Gemeinde Heidenau (umgesetzt)
Die Zusammenlegung von Avensen und Everstorf – beides waren keine „Zwerggemeinden“ – bezeichnete Landrat Helferich als die „wichtigste kommunale Grenzänderung, die im Kreise in Betracht kommt“. Das Unterfangen blickte 1928 schon auf einen langen Vorlauf zrück: Im Herbst 1924 hatten die Gemeindevertretungen über einen möglichen Zusammenschluss abgestimmt; in Avensen war er abgelehnt, in Everstorf – von dessen Gemeindevorsteher und einigen Einwohnern die Initiative ausgegangen war – mit knapper Mehrheit befürwortet worden. Auch danach war das Vorhaben immer wieder Thema gewesen, aber an diversen inhaltlichen wie wohl auch persönlichen Differenzen gescheitert. Die veränderte Rechtslage gab der Sache nun neuen Aufschub, da eine Zustimmung der Gemeindeausschüsse nicht mehr nötig war. Darüber sichtlich erleichtert stellte Helferich fest, es würde „jetzt nicht mehr darauf ankommen, im einzelnen einen komplizierten Vereinigungsvertrag zu schließen, sondern höchsten einige wenige Grundsätze festzulegen“.
Er lud die Gemeindevorsteher, Ausschussmitglieder sowie stimmberechtigten Einwohner zu Versammlungen am 27. August 1928 ein. Als Vertreter des Kreises nahmen Helferich selbst und Kreisverwaltungsdirektor Nottbohm daran teil. Primär ging es um Wegefragen, wie z.B. den Ausbau einer Gemeindestraße nach Tostedt. Helferich drängte auf den Zusammenschluss, während sich die Begeisterung auf Avenser Seite erwartungsgemäß in Grenzen hielt. Von dort kamen alte Zerwürfnisse zur Sprache, so „wurde die bekannte Geschichte wegen des Hochzeitswagens aus Everstorf nochmals vorgetragen, der nicht durch die Gemeinde Avensen gefahren sein“.
Für Avensen ergab die Gemeindeversammlung 14 Ja-, 28 Nein-Stimmen und eine ungültige Stimme, aus dem Gemeindeausschuss drei Ja- und vier Nein-Stimmen. Die Everstorfer Einwohnerschaft votierte mit 42:3 Stimmen für einen Zusammenschluss, eine Stimmabgabe war ungültig; ihr Gemeindeausschuss sah das ähnlich und stimmte mit 6:1 dafür, bei einer ungültigen Stimme. Aus den Reihen der Bevölkerung sprach sich z.B. der Everstorfer Lehrer für die Zusammenlegung aus, womöglich könne dann endlich ein bisher aufgeschobener Schulneubau erfolgen.
Als Namen für die neue Gemeinde kursierten zuerst Eichenhöfen bzw. Eichhöfen und Wiebostel. Helferich gab zu verstehen, dass in Frage der Neubennung nach Möglichkeit der Vorschlag Wiebostel vorzuziehen sein, denn dieses gäbe es im Ortschaftsverzeichnis noch nicht, wohingegen diverse Iterationen von Eichhöfen schon dutzendfach im Deutschen Reich vorkämen. Doch beide Alternativen waren schnell wieder abgetan, die Gemeindeausschüsse lobten eine Prämie von 20 RM für denjenigen aus, dessen Namensvorschlag auf einer gemeinsamen Sitzung ausgewählt würde; bei einem Patt solle der Kreisausschuss entscheiden. Auf der Versammlung, die am 8. September 1928 in Avensen stattfand, setzte sich das plötzlich zum Favoriten erkorene Heidenau durch – abgestimmt wurde beim ersten Durchgang zwischen fünf möglichen Ortsnamen, bevor eine Stichwahl das Ergebnis bringen sollte: Und zwar zwischen Heidenau, das sechs Stimmen erhielt, und Wiehborn, das sich zunächst mit acht Stimmen (bei einer ungültigen) durchsetzen konnte. „Auf Drängen der Gemeinde“, sprich der anwesenden Einwohner, wurden die Ausschussmitglieder jedoch zu einer zweiten Abstimmung bewegt. Bei dieser standen abermals alle fünf Namen zur Wahl, neben dem eindeutigen Gewinner Heidenau (9 Stimmen), waren es Wiehborn (3), Büntbergen (2), Büntheim (1) und Aubach (0). Anm.: Abweichende Schreibweise der Namen im Artikel: Buntbergen, Buntheim, Anbach.
Per Beschluss des Staatsministeriums vom 16. Oktober 1928 wurde Heidenau als neue Gebietskörperschaft schon zu Folgetag gegründet. Der Landrat bestimmte die beiden Gemeindevorsteher Stöver (Everstorf( und Holst (Avensen) zum kommissarischen Gemeindevorstand, die notwendige Neuwahl wurde vom 2. Dezember 1928 zunächst auf Januar verschoben und schließlich auf den 3. Februar 1929 gelegt.
Von allen Kommunen, die 1928 im Kreis Harburg neu gebildet oder denen benachbarte kleinere Gemeinden eingemeindet worden sind, ist Heidenau die einzige, die noch Bestand hat – als eines von neun Verbandsmitgliedern der Samtgemeinde Tostedt. Alle übrigen gingen 1972 in größeren Einheitsgemeinden auf (Neu Wulmstorf, Rosengarten, Seevetal), womit sie ihrerseits die politische Selbstständigkeit einbüßten.
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| Altgemeinde | Avensen | Everstorf |
| Fläche (ha) | 1.332 | 3.532 |
| Einwohnerzahl (1928) | 343 | 567 |
| Kirchspiel | Hollenstedt | Hollenstedt |
| Standesamtsbezirk | Avensen | Avensen |
| Schulverband | Everstorf | Everstorf |
| Zusammenlegung zu … | Heidenau (neue Gemeinde) | |
| Durchgeführt | 17.10.1928 | |
| 1972 aufgegangen in | Heidenau seither Mitgliedsgemeinde der Samtgemeinde Tostedt | |
| Gemeindevorsteher (1928) | Holst | Stöver |
Der aktuelle Grenzverlauf zwischen den Fluren 4 (vormals Everstorf), 19 und 21 (vormals Avensen) ist blau gekennzeichnet. Bei Änderungen der Flurgrenzen nach 1928 wurde der ursprüngliche Grenzverlauf rot markiert.
| Aktuelle Flurbezeichnung | Flurbezeichnung bis 1928 |
| Gemarkung Heidenau Flur 4 | Gemarkung Everstorf Flur 4 |
| Gemarkung Heidenau Flur 19 | Gemarkung Avensen Flur 1 |
| Gemarkung Heidenau Flur 21 | Gemarkung Avensen Flur 3 |
Ortsstein in Heidenau mit den Jahreszahlen der überlieferten Ersterwähnungen von Avensen (1024) und Everstorf (1244) sowie dem Gründungsjahr des daraus hervorgegangen Heidenau (1929 [Jahr der Neuwahlen, Gründung war 1928]). Symbolträchtig: Der heraldische Handschlag im Gemeindewappen bringt Einheit und Versöhnung zwischen den Einwohnern zum Ausdruck.
Protestschreiben
Avensen, den 24. November 1928
An den Kreisausschuss des Landkreises Harburg in
Harburg-Wilhelmsburg
Zur Kreistagssitzung am 1. Dezember 1928 bitten auch wir, die unterzeichneten Mitglieder der Gemeinde Avensen, den Kreisausschuss, im folgenden Sinne für uns eintreten zu wollen.
Wir erheben gegen den rücksichtslosen Zusammenschluss der Gemeinden Avensen und Everstorf schärfsten Protest. Die angegebenen Gründe des Herrn Landrats, dass die beiden Gemeinden auf alle Fälle zusammengekoppelt werden müssen, sind durchaus nicht stichhaltig.
Angegebene Gründe sind folgende:
- Die Wegebauverhältnisse, die häufig zwischen den beiden Gemeinden zu Zwistigkeiten geführt haben, die aber nach unserm wahren Ermessen von Everstorfer Seite stets stark zum Nachteil beider Gemeinden geschürt worden sind, könnten aber bei einigermaßen guten und verständnisvollem Willen beider Gemeinden nach allen Richtungen hin, sei es Wegebau oder Schulbau, oder sonst etwas, genauso gut und noch besser ohne Zusammenschluss gefördert werden. Trotz des Herrn Landrats Verneinung ist es uns klar, dass der Zusammenschluss erhebliche Unkosten verursachen wird, und zwar, Umschreibungskosten, dann die mit der Zeit am schwersten ins Gewicht fallenden Verwaltungskosten, Vorstehergehälter usw., für die schon gute Wegebauarbeiten geleistet werden könnten.
- Bekanntlich greifen beide Ortschaften Avensen und Everstorf sowie auch deren Gemarkungen ineinander. Dies ist wohl fast in allen Nachbargemeinden miteinander der Fall, sodass solches durchaus nicht als nennenswerter Grund hingestellt werden kann, und uns solcher Grund direkt als lachhaft erscheint.
- Ausserdem fühlen wir Avenser uns stark zurückversetzt und bestraft, wenn wir unserm Nachbarn, der in den letzten Jahren fast gar keine Wegebauarbeiten geleistet hat, wogegen wir Avenser alljährlich an Um- und Neupflasterungen Erhebliches geleistet haben, jetzt auf einmal unter die Arme greifen sollen und den Everstorfern die Wege pflastern helfen sollen. Unsere Wege würden unberührt bleiben, was nach der Everstorfer Stimmenmehrheit nicht unausbleiblich erscheinen würde. Ausserdem wird man von uns verlangen, dass wir Ortschaften wie Vaerloh im Strassenbau unterstützen sollen, die seit Menschengedenken keinen Stein an den andern haben setzen lassen, ausgenommen im Jahre 1928. Wie hier allgemein bekannt geworden ist, soll in der letzten Gemeindevertretersammlung in Everstorf der komm. Gemeindevorsteher schon den Vorschlag betreffs Pflasterung nach Vaerloh gemacht haben.
Das alles in einer Zeit, in der die gesamte Landwirtschaft im Sterben liegt und mit jedem Pfennig gerechnet werden muss, ist ein Zusammenschloss solcher Ortschaften wirklich nicht am Platze, da vorläufig an eine Entwicklung unserer Ortschaften überhaupt nicht zu denken ist. Da sämtliche Industriezweige ebenfalls morsch sind und werden, wird man wohl nicht so töricht sein, in Avensen irgendein industrielles Unternehmen zu beginnen, dass uns nur alleine eine Entwicklungsmöglichkeit bieten könnte. Im Übrigen könnten sich landwirtschaftlich bei besseren Zeiten die Ortschaften ohne Zusammenschluss ebenso gut entwickeln.
Antrag
Die Unterzeichner protestieren energisch gegen die Vergewaltigung der Gemeinde Avensen zwecks Zusammenschluß mit Everstorf und ersuchen den Kreistag die Sache beurteilen zu wollen.
73 Unterschriften mit Hausnummern
In den vorstehenden Unterschriften sind sämtliche Grundeigentümer (ausgenommen Hofbes. Peters der augenblicklich abwesend ist) und unsere Mietsleute enthalten.
